Mädchen und Ausbildung: Was sind attraktive Berufe?

 In Ausbildung, Azubi, Karriere, Lehre, Lehrstelle

Als Lehrbetrieb mit 20 Lehrberufen sind wir hauptsächlich auf technische Bereiche ausgerichtet. Die Attraktivität von technischen Lehrberufen ist bei uns deshalb Dauerthema. Wir stellen seit Jahren fest, dass die technischen Berufe bei Mädchen auf weniger Interesse stossen, als bei den Jungs. Schauen wir in die eigenen Reihen, dann treffen wir unsere weiblichen Lernenden in folgenden Lehrberufen an:

Wir bilden bei uns über 15 weibliche Lernende aus. Trotzdem sind dies nur ca. 3% aller Lernenden bei Alpiq InTec. Im technischen Bereich sprechen wir hier sogar von einem Mädchenanteil weit unter 2%.

Alpiq-InTec-Siegerin-Swiss-Skills-2017-Jessica-Stoller

Alpiq-InTec-Siegerin-Swiss-Skills-2017-Jessica-Stoller

Auch Jessica Stoller hat ihre Lehre als Kältesystem-Planerin EFZ erfolgreich abgeschlossen. An den Swiss-Skills der Kälteberufe 2017 hat sogar die Goldmedaille geholt. Wir haben im Blog bereits darüber berichtet.

Doch bereits bei der versuchten Definition, was denn nun „typische Frauen-/ oder Männerberufe“ sein würden, kommen Interessensgemeinschaften, Verbände und Foren in Erklärungsnöte. Die mögliche Antwort auf diese Frage, kann deshalb nicht nur auf die allgemein bekannten Mischverhältnisse von Mädchen/Jungen reduziert werden. Allein der Gedanke wie ein mögliches Interesse an einem Lehrberuf gelagert sein könnte, verlangt nach einer differenzierten Antwort.

Wenn es sich um ein reales Interesse handelt, welches primär mit exploratorischem Ansatz genährt werden will, dann basiert dessen Entstehungsursache auf rein intrinsischer Ebene. Werden die anfallenden Fragen sodann auch adäquat beantwortet, fungieren die Antworten als Verstärker und steigern die Attraktivität des entsprechenden Lehrberufs.

Selbstsortierungsmechanismus

Was aber, wenn gesellschaftsbedingte Ausprägungen zu einer Art automatischer Selbstsortierung führen? Nicht bewusst, sondern ganz subtil durch gegebene Umstände und Vorstellungen. In unserer Gesellschaft gibt es eine Reihe von Mechanismen die eine Geschlechtersegregation begünstigen. Kann es also sein, dass das Grund-Interesse eines Jugendlichen an einem spezifischen Lehrberuf beeinflusst, ja sogar durch geschlechterspezifische Vorselektion gesteuert werden kann?

Bereits in den Anfangsstadien der Berufswahl zeigen sich tendenziöse Vorstellungen; dass z.B. die Jungs wohl eher etwas Technisches machen. Und die Mädchen hingehen eher in der Wirtschaft oder der Verwaltung Fuss fassen. Diese Vorstellungen sind noch immer in vielen Köpfen vorhanden. Eine automatisierte Frühadaption durch festgefahrene Strukturen ist hinsichtlich der Gender-Frage somit unausweichlich. Schliesslich führt sie auch dazu, dass abweichende Interessen der Jugendlichen von Beginn an ausgeblendet werden. Dies passt zu den einschlägigen Erhebungen die aufzeigen, dass z.B. sehr wenige Jungs in pflegerischen Berufen und sehr wenig Mädchen in technischen Berufen wie z.B. Elektroinstallateur/in EFZ tätig sind.

Reicht diese Erkenntnis nun aus, damit wir die Vorstufe zur Definition eines „typischen Männer-/oder Frauenberufs“ erreichen können?

Nicht ganz. Es ist auch eine Frage der Lehrbetriebe wie deren Reaktion ausfällt, wenn sich Mädchen nun für die vermeintlich typischen Männerberufe interessieren. Oft wird dann in einem männertypischen Beruf ein männlicher Bewerber subjektiv als passender empfunden. Oder er wird unbewusst dann als passend wahrgenommen, wenn er im Speziellen gut in das bereits mehrheitlich männliche Team passen würde.

Eine weitere Ausprägung zeichnet sich ab, wenn man die individuellen Vorstellungen der Jungs und der Mädchen analysiert. Mit Blick auf Deutschland wurde z.B. erhoben, dass es für immer mehr Lernende als wichtig erscheint, in ihren Ausbildungen schon gut zu verdienen. Doch auch die Zukunft-Chancen im entsprechenden Lehrberuf spielen eine wichtige Rolle. Dies betrifft z.B. die Übernahmechancen und Verdienstmöglichkeiten nach der Ausbildung. Hier fällt auf, dass Mädchen eher Lehrberufe in den Bereichen Wirtschaft und Verwaltung auswählen. In diesen Bereichen ist es tendenziell eher möglich ein Teilzeitpensum zu arbeiten. Auch der Wiedereinstieg nach einer möglichen Kinderpause fällt einfacher. Die Jungs tendieren eher sich zu überlegen, welche Karrierewege ihnen später offen stehen, die dann eine allfällige Familiengründung begünstigen würden.

Die Interessen verändern sich

Zu den 10 meistgewählten beruflichen Grundbildungen in der Schweiz 2017 zählen nachfolgende Lehrberufe. Sie machen von den total 230 Lehrberufen der Schweiz rund 50% der neu abgeschlossenen Lehrverhältnisse aus.

Beliebteste Lehrberufe 2017

  1. Kaufmann/Frau EFZ (14’250)
  2. Detailhandelsfachmann/-frau EFZ (5’077)
  3. Fachmann/-frau Gesundheit EFZ (4’147)
  4. Fachmann/-frau Betreuung EFZ (3’170)
  5. Elektroinstallateur/in EFZ (2’159)
  6. Informatiker/in EFZ (1’976)
  7. Koch/Köchin EFZ (1’750)
  8. Zeichner/In EFZ (1’630)
  9. Logistiker/in EFZ (1’618)
  10. Polymechaniker/in EFZ (1’568

(Quelle: Berufsbildung in der Schweiz – Fakten und Zahlen; SBFI 2017)

Das obige Dokument als PDF runterladen.

Beliebteste Lehrberufe 2012

Im Jahr 2012 sah dieses Ranking etwas anders aus.

  1. Kaufmann/Frau EFZ (12’642)
  2. Detailhandelsfachmann/-frau EFZ (5’603)
  3. Fachmann/-frau Gesundheit EFZ (3’576)
  4. Fachmann/-frau Betreuung EFZ (2’610)
  5. Elektroinstallateur/in EFZ (2’069)
  6. Koch/Köchin EFZ (1’927)
  7. Informatiker/in EFZ (1’873)
  8. Zeichner/In EFZ (1’716
  9. Polymechaniker/in EFZ (1’705)
  10. Automobil-Fachmann/ -frau EFZ (1’510)

(Quelle: Berufsbildung in der Schweiz – Fakten und Zahlen; SBFI 2012)


Beliebteste Lehrberufe 1994/95

Leider stehen uns bei der folgenden Tabelle der Jahre 1994/95 keine Zahlen zur Verfügung. Doch im Vergleich mit den Jahren 2012 und 2017 waren unter den beliebtesten Lehrberufe noch ganz andere zu finden:

  1. Gymnasium
  2. Kaufmännisch Angestelle/r FZ
  3. Verkäufer/in FZ
  4. Elektromonteur/in FZ
  5. Maurer/in FZ
  6. Damencoiffeur/euse FZ
  7. Zimmermann/-frau FZ
  8. Primarlehrer/in FZ
  9. Koch/Köchin FZ
  10. Landwirt/in FZ

(Quelle: Schulverlag plus AG; 2011/Amt für Berufs-und Studienberatung, Kanton Schwyz)

Offensichtliche Verschiebungen der Bewerberströme

Die Anforderungen und Bedürfnisse an die Berufsbildung haben sich in den letzten 30 Jahren stark gewandelt. Mit ihnen auch die Interessen der Jugendlichen.

In den rubrizierten Daten ist interessant, dass sich z.B. der/die Elektromonteur/in FZ (heute Elektroinstallateur/in EFZ) seit 30 Jahren als der beliebteste, handwerklich technische Beruf halten konnte. Allerdings büsste er eine Platzwertung ein, denn in den letzten Jahren stiessen neue pflegerische Lehrberufe in die Berufsbildung vor. Sie erfreuten sich an konstant wachsenden Zuwachsraten von gegen 16-21%. Dies, während der Elektroinstallateur/in EFZ mit einer Zuwachsrate von nur 4.5% aufwarten konnte. Somit wird offensichtlich, dass sich die Bewerberströme massiv verschoben haben. Unter den rund 90’000 jährlich ausgeschriebenen Lehrstellen wurden rund 8% aller Lehrverhältnisse in den Pflegeberufen unterzeichnet.

Nach wie vor ungebrochen scheint auch die Nachfrage nach Lehrstellen im KV-Bereich zu sein. Dieser Lehrberuf rangiert seit 30 Jahren auf dem ersten Platz. Bereits in den Jahren 1994/95 hatten schon mehr als doppelt so viele Mädchen wie Jungen diesen Lehrberuf gewählt. Auch im Jahr 2017 wurden im kaufmännischen Bereich wiederum rund 11% mehr Lehrverhältnisse abgeschlossen, als vor 5 Jahren.

Das erstaunt! Denn schliesst man die derzeit geburtenschwachen Jahrgänge in diese Denn immer wieder kursieren in den Medien Berichte welche offenlegen, dass zahlreiche Lernende nach einer KV-Ausbildung keine Anschlusslösung vorweisen können.

Auch das Amt für Wirtschaft und Arbeit (Volkswirtschaftsdirektion) des Kantons Zürich bewertet im Factsheet 2017 „Die beliebtesten Berufe von Mädchen und Jungen“,  die Lehrberufe des Detailhandels oder im kaufmännischen Bereich mittel- bis langfristig als wenig zukunftsträchtig.

Fazit

Technische Berufe erscheinen für Mädchen noch immer zu wenig attraktiv. Dies, weil in erster Linie die Geschlechtersegregation auch bei uns in der Schweiz noch zu ausgeprägt vorhanden ist. Auch Berufsbildungskampagnen zielen zu stark nur auf die Lehrberufe ab. Sie beleuchten die Möglichkeiten für weibliche Bewerber zu wenig. Das schränkt den Berufswahlfokus bereits im Vorfeld unnötig ein. Wichtige Ressourcen können so nicht genutzt werden. Es gibt sowohl Jungs als auch Mädchen die unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen haben.

So zeigen die Jungen z.B. auch Talent in pflegerischen Berufen, sowie zahlreiche Mädchen ihre Vorzüge in den technischen Bereichen. Diese Erkenntnis sollten nicht nur Eltern, Lehrpersonen, Lehrbetrieben und Jugendliche dazu motivieren, den Wurzeln geschlechtsspezifischer Berufswahl gegenzusteuern. Die Lehrbetriebe und Organisationen der Arbeitswelt OdA täten ebenfalls gut daran, mit vereinten Kräften die Voraussetzungen bei der Wahlt eines technischen Berufs hinsichtlich Teilzeitfähigkeit zu verbessern.

Das ist nicht einfach, aber es geschieht nicht von heute auf morgen. Denn jede/r Jugendliche sollte wenn immer möglich seinen ganz persönlichen Wunschberuf erlernen können. Und dies unabhängig subtiler Vorselektion durch sein Umfeld.


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Oder hast du Fragen und Anregungen zu diesem Bericht? Dann hinterlasse einen Kommentar unten. Wir werden ihn auf jeden Fall beantworten.


Quellen-Angaben zu diesem Bericht:

  • Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI
  • Bundesamt für Statistik BFS
  • Zentrum Gender Studies der Universität Basel
  • Schulverlag Plus AG, Kolumbus 2011
  • Eigene Zahlen und Fakten

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